Walter Witt

Text: Friedrich Weiß

Mann der Tat: Ein ehemaliger Postbeamter mit Mission, Stadtlichh Magazin 2015
Text: Friedrich Weiß, Foto: Roeler

Walter Witt wühlt sich in seinem Arbeitszimmer durch Papierstapel: Der Gotteswahn, Verschlusssache Jesus, Vier Tage für ein Halleluja. Bücher, Zeitschriften, Artikel und Briefe füllen Regale, Tische und Stühle und machen das Zimmer zu einer etwas ungeordnet scheinenden Bibliothek. Das Thema der Sammlung: Gott, Religion im Allgemeinen und die katholische Kirche im Besonderen. Witt findet den Zettel, den er gesucht hat und ein kampflustiges Lächeln huscht über sein Gesicht: „Das“, sagt er und wedelt mit einer Auflistung religionskritischer Texte, „das ist das brisanteste Stück Papier der Welt.“
Sieht man vom überfüllten Arbeitszimmer ab, ist es in dem Einfamilienhaus in einer ruhigen Straße in Neu Wulmstorf sehr aufgeräumt. „Das Haus hab ich über die Jahre selber aus- und umgebaut, das war nach dem Krieg noch eine kleine Hütte“, erzählt er stolz. Man sieht der Einrichtung die späten Wirtschaftswunderjahre an, es dominiert Eiche rustikal.

Seine Biografie verläuft sehr bodenständig. Er wird 1943 im Alten Land geboren und zieht als Siebenjähriger mit seinen Eltern nach Neu Wulmstorf, wo er bis heute lebt. Nach einer Ausbildung zum Postbeamten tritt er den Schalterdienst im Postamt Heimfeld an. Mitte der 90er hat er davon genug und würde gern in die Verwaltung wechseln. Doch das ist nach der damals gerade abgeschlossenen Postreform nicht mehr möglich. Also lässt er sich widerstrebend in den Ruhestand versetzen, „aus politischen Gründen“, wie er sagt.
Der Ruhestand wird zum Unruhestand, als Witt sich wieder Zweifeln widmet, die er schon im Kon firmandenunterricht hatte und die ihn bis heute an- und umtreiben. Er will, dass die Menschen vom „Übel der Religionen“ befreit werden. Dazu schreibt er den Petitionsausschuss des Bundestages an, verfasst Leserbriefe, arbeitet an dem Handbuch der Kirchenkritik mit und hat gerade die Arbeit an einem eigenen Buch beendet, das dieses Jahr veröffentlicht werden soll. Und er tut sein persönliches Glaubensbekenntnis als Schriftzug in der Hamburger Innenstadt kund: Die Bibel ist ein Märchenbuch.

Witt zieht es, seit er als 16-Jähriger mit einem Freund eine Radtour nach Norwegen gemacht hat, immer wieder in das skandinavische Land, dem er sich sehr verbunden fühlt: „Dort ist der humanistische Gedanke weiter fortgeschritten und die Menschen sind zuverlässiger und mir angenehmer“, findet er. Besonders suspekt ist ihm dagegen alles Katholische – und Bayern ganz besonders: „Da muss man nur mal vergleichen, wer aus Hamburg kommt und wer aus München. Uwe Seeler mit Franz Beckenbauer oder Helmut Schmidt mit Franz Josef Strauß.“ Bodenständige, geradlinige Hanseaten auf der einen Seite, Mauscheleien treibende Amigos auf der anderen. Die stehen für ihn exemplarisch für den unseligen Einfluss der katholischen Kirche: „Wer jeden Sonntag seinen Müll bei der Beichte los wird, der kann schon mal leichter sündigen.“

DIE BIBEL IST EIN MÄRCHENBUCH, das ist das Credo von Walter Witt. Seit nunmehr zehn Jahren schreibt er es in Hamburg in dicken Druckbuchstaben an Plakatwände in S- und U-Bahnhöfen und an Litfasssäulen. Besonders viel Freude bereitet es ihm aber, den Spruch mit bunter Kreide auf den Platz vor dem altehrwürdigen Michel zu schreiben.
Im Ruhestand beginnt er, die Bibel kritisch zu lesen und erkennt darin ein Buch voller unglaubwürdiger Geschichten mit fragwürdiger Moral. Er findet, das könne unmöglich eine heilige Schrift und Grundlage für eine Religion sein, die unsere Welt bis heute maßgeblich prägt. Daraufhin sammelt und liest er kirchen- und religionskritische Literatur und kommt zu dem Schluss: „Religion ist das Schlimmste, was der Menschheit widerfahren ist.“

„Ungefähr 80 Prozent aller kriegerischen Konflikte beruhen auf religiösen Auseinandersetzungen“, sagt er. „Da kann man doch unmöglich untätig bleiben!“ Die Aufklärung für eine Welt ohne Gott und Religionen wird für ihn zur Lebensaufgabe. Dem Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages schreibt er, die Bibel rechtfertige die Sklaverei und fordere die Todesstrafe, unter anderem für Homosexualität und Ehebruch. Damit widerspräche sie dem Grundgesetz und müsse folglich verboten werden. Seine Eingabe wird wegen mangelnder Aussicht auf Erfolg abgewiesen. Also entschließt er sich, sein Anliegen durch Graswurzelarbeit zu propagieren: In einer
Winternacht geht er 2005 zu einer Litfasssäule an der viel befahrenen B73 und schreibt mit dickem Filzstift: Die Bibel ist ein Märchenbuch.

„Früher hab ich nach jedem Buchstaben geguckt, ob mich jemand sieht.“ Mittlerweile ist Witt gelassener, wenn er auf Schreibtour geht. Ungefähr einmal im Monat fährt er dazu mit der S-Bahn in die Stadt – meistens in Wochenendnächten, denn dann sind haupt- sächlich junge Menschen unterwegs. „Von denen bekomme ich überwiegend positive Rückmeldungen“, erzählt er. Mit seinem charmant einfachen Spruch will Witt Passanten zum Nachdenken anregen. Das ginge nur, wenn man sie nicht vor den Kopf stoße. Ein humanistischer Mitstreiter spräche immer von „heiliger Scheiße“. Das sei ihm zu grob, er habe es lieber sachlich fundiert und dabei im Ton korrekt.

Ärger gibt es auf seinen Touren manchmal trotzdem. Er sei schon übel von Christen angegangen worden, die sich von seinem Spruch angegriffen gefühlt hätten. Und Polizisten nähmen ihm den Edding ab, wenn sie ihn erwischen – „deswegen hab ich immer einen Ersatzstift dabei“, sagt er und lächelt schelmisch. Der Umgang miteinander sei aber meist sehr freundlich. Er lässt sich im Tausch gegen sein Schreibwerkzeug mittlerweile immer eine Visitenkarte der Beamten geben und schreibt ihnen dann am nächsten Tag einen Brief mit Dank für die nette Begegnung – und einer Liste mit aufklärerischer Literatur.

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